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Handlungsreisen

Wo wir gerade bei literarischer Geographie sind: Hier ist noch ein Versuch, eine Art Gutenkarte zu erstellen. Handlungsreisen ist eine deutschsprachige Plattform, die ein paar Mashups und viel Leserbeteiligung zusammenbringt, um Landkarten der Literatur zu erstellen. 2635 Bücher und 1791 Autorinnen und Autoren sind (Stand heute) mittlerweile erfasst, und mit ihnen 2376 Handlungsorte, 207 Länder und 100 Regionen.

Ich muss allerdings gestehen: So charmant ich die Idee finde, so wenig behagt mir die Umsetzung beim zweiten Blick. Vielleicht weil das Ganze eher (noch?) als geostatistische Fingerübung daherkommt? Die Angaben zu den Büchern und zu den Handlungsorten sind noch reichlich dürr, und das läßt das Sammelsurium roter und schwarzer Stecknadelköpfe auf den Google-Maps (und die dazugehörigen Fotos, die von Panoramio bezogen werden) eher beliebig erscheinen. Handlungsorte, könnte man meinen, sind nichts anderes als Dartpfeile, die ein Text in die Welt wirft. Eines der ersten Bücher, das ich angeglickt hatte, war Ketil Børnstads Villa Europa, ein Buch, bei dem ja schon der Titel andeutet, dass hier ein Panorama aufgefaltet werden soll. Bei Handlungsreisen wird daraus nur noch eine trockene Liste, ohne dass man einen Anhaltspunkt hätte, wie die verschiedenen Orte in Beziehung zu einander oder zu den Stecknadeln auf der Karte stehen könnten.

Klar, darüber könnte man Essays schreiben, und so eine Website soll eher Referenz- und Überblickscharakter haben. Aber was ihr nicht wirklich gelingt, ist, mich neugierig zu machen – weder auf die Bücher noch auf die Regionen. Ein paar Zitate, ein paar Andeutungen über das bloße Markieren hinaus würden dem Vorhaben die Würze geben, die zur Zeit noch fehlt. Vielleicht kommt das ja noch in einer nächsten Stufe: Ein Versuch, Literatur auf/mit Landkarten lebendig zu machen.

Und vielleicht steht das Vorhaben, Literatur auf Landkarten zu verorten, auch ganz grundsätzlich im Widerspruch zu dem, was Literatur eigentlich kann, nämlich die Orte von der Landkarte zu holen und größer, kleiner, umfangreicher oder mikrokosmischer erscheinen zu lassen, als sie auf einer Darstellung der Realität jemals sein können. Shakespeare war der Meinung, dass Böhmen am Meer liege, und warum auch nicht? Im Handlungsreisen-Blog findet sich ein schönes Zitat der schwedischen Autorin Helene Tursten, das gilt auch für solche literarischen Atlanten:

Die Autorin betont, dass geographische Angaben ihrem Gutdünken entsprungen sind. Das Buch eignet sich weder in Göteburg noch in Paris als Reiseführer. Dem Leser wird nachdrücklich abgeraten, mit Hilfe der Angaben in diesem Buch zwischen den Schären von Göteburg zu navigieren.

Um Melville zu paraphrasieren: Die wahren Handlungsreisen finden immer noch im Kopf statt.

(Via.)

3 Kommentare

  1. Ich stimme der Kritik grundsätzlich zu. Aber das Projekt soll eigentlich genau auf dieses Phänomen der Literatur aufmerksam machen: der Autor kann mit realen Orten machen, was er will. Eine Kategorisierung scheint mir deshalb ausgeschlossen. Aber exemplarisch kann man natürlich zeigen, wie geographische Kulissen beschrieben und in Szene gesetzt werden. Ich plane deshalb, ortsbezogene Zitate zu sammeln und zu zeigen. Ein weiterer Plan sieht vor, Orte mit Begriffen wie “Angst”, Fortschritt”, “Geschichte” oder “Romantik” zu belegen. Durch dieses Tagging möchte ich die Symbolhaftigkeit von Orten herausarbeiten. Aber eins nach dem anderen.

    Verfasst am 16.10.07 um 9:00 am | Permalink
  2. Sorry, wenn die Kritik zu negativ klang. Grundsätzlich finde ich das Projekt ja durchaus spannend. Die – ich nenn’s mal so – statistische Auswertung, die Namensnennungen auf einer Karte platziert und so Häufigkeiten, Ballungen usw. nachweist, ist sicher sinnvoll.

    Die Kritik ist auch ganz und gar subjektiv: Mich interessiert dann eben genau das, was die Autoren mit den realen Orten machen. Die Idee, die Orte mit bestimmten Begriffen zu taggen, und ihr Symbolhaftigkeit herauszuarbeiten, klingt sehr spannend: Das ist tatsächlich schon eher, was ich gesucht habe.

    Aber klar, dass muss alles eins nach dem andern kommen. Bitte die Kritik darum so verstehen, dass die Handlungsreisen Anstoß zu ein paar eigenen Ideen gegeben haben.

    Verfasst am 16.10.07 um 5:56 pm | Permalink
  3. AndreasP wrote:

    Die Idee der geographischen Verortung von erzählenden Texten ist natürlich nicht neu. Ein Beispiel ist “Land und Leute in deutscher Erzählung. Ein bibliographisches Literaturlexikon” von Arthur Luther (3. Auflage 1954), wenn auch nur für Deutschland und ohne Karte.

    Prinzipiell finde ich sowas schon recht interessant, und durch entsprechendes Tagging in Katalogen/Suchmaschinen (oder auch durch so etwas wie die Wikisource-Orts-Themenseiten) kann man hier sicher den ein oder anderen neuen Leser oder auch Erzählforscher zum passenden Buch führen, selbst wenn die Kartierung als solche rein wissenschaftlich gesehen nicht allzuviel hergeben mag.

    Das Projekt Historischer Roman wäre vielleicht ein Kandidat für eine Kartierung (Schlagwörter zu Orten und ein Ortsregister gibt es). Es gibt eine Zeitleiste und eine Karte der Herkunft der Autoren, aber leider keine inhaltliche Landkarte. Das schreit geradezu nach einem Mashup irgendeiner Art…

    Verfasst am 09.11.07 um 1:47 pm | Permalink

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