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Europeana

Heute geht das EU-Portal Europeana offiziell an den Start, und das ist, glaubt man EU-Kommissar José Maria Barroso, ein epochales Datum, das nur mit der Eröffnung der Bibliothek von Alexandria zu vergleichen ist.

Das mag für die Ambitionen, mit denen dieses Projekt gelauncht worden ist, auch gelten. Immerhin geht um ein Portal, das “Europas gesamtes kulturelles Erbe über das Internet zugänglich machen soll”, wie der österreichische Standard schreibt. Da hat man sich einiges vorgenommen, und es ist da schon fast zwangsläufig, dass der aktuelle Status quo dem großen Anspruch kaum genügen kann. Klaus Graf und Jorge Ledo haben in ihren Blogs schon einige der wichtigsten Kritikpunkte aufgezählt, und ich kann mich, nach einem ersten kleinen Probelauf gestern, im wesentlichen anschließen.

Ein zentrales Portal, als Einstieg in die Welt der europäischen Archive und Bibliotheken, ist ja grundsätzlich eine schöne Idee. Aber wenn Europeana aktuell etwas vorführt, dann die Unterschiedlichkeit von Qualität und Standards in den Digitalisierungsbemühungen der beteiligten Bibliotheken und Archive. (Und das sind, wie man im Standard lesen kann, auch noch nicht allzu viele.) Die europäische Kultur ist demnach vor allem ein buntes Allerlei, ohne durchgängige Struktur und Systematik, in unterschiedlicher Bild-, Ton- und Textqualität, mit verwirrenden Hinweisen und Informationen über Provenienz, Fundorte und so weiter.

Momentan kann man zwar bisweilen ganz nett herumstöbern, und hier und da auch hübsche Entdeckungen machen, aber die Qualität der Ergebnisse lässt doch noch einiges zu wünschen übrig. Machen wir doch mal den Praxistest und schauen wir uns die Beispiel an, die Barroso im FAZ-Artikel nennt – soweit das möglich ist, denn ausgerechnet heute scheint der Server an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu stoßen. Gut drei Viertel der Suchanfragen landen momentan im Nirwana, weil sich die Seite wieder eine Auszeit nimmt. (Nebenbei: Dass der Artikel von Barredo gar nicht auf die Startseite verlinkt, sondern auf eine Unterseite mit Informationen zum Projektstatus, von der man nur über langes Suchen zum Start kommt, passt auch irgendwie. Soviel zum Thema “digitale Kompetenz”.)

“Wer die ‘Gioconda’ sehen möchte, muss nicht vor dem Louvre Schlange stehen”, schreibt Barroso. Nun, die Suche nach “Gioconda” bringt bei Europeana tatsächlich eine Reihe interessanter Ergebnisse. Darunter sind genau zwei Bilddateien, beide in einer Qualität, die auch nicht viel besser ist als das, was die Google-Bildersuche nach “Mona Lisa” auswirft. Eines der Ergebnisse stammt tatsächlich aus dem Louvre, aber wer bisher nicht wußte, dass die Mona Lisa genau dort hängt und nicht etwa in dem portugiesischen Archiv, aus dem das zweite Bild stammt, wird es über Europeana auch nicht unbedingt erfahren. Zwar wird weiterverlinkt auf die Louvre-Seite zur Mona Lisa, wo man wenigstens ein paar rudimentäre Informationen zum Bild bekommt, aber das portugiesische Exponat linkt lediglich auf die originale Bilddatei, ohne dass irgendein Kontext ersichtlich wird. (Etwas, das übrigens bei vielen Multimedia-Dateien passiert, auf die Europeana verweist). Ach, und welchen Titel hat das Bild eigentlich? “Peint à Florence” (so heißt hier das Louvre-Exponat)? Oder gar “75″15″(084.1), por”?

Folgen wir weiter Barroso:

Über Europeana kann jedermann das Lächeln der Mona Lisa auf dem eigenen Computerbildschirm bewundern und dann den virtuellen Spaziergang weiter in Richtung Venedig zum dort ausgestellten “Vitruvischen Mann” fortsetzen.

Wenn er ihn findet: Die Suche nach “Vitruvischer Mann” bringt jedenfalls kein Ergebnis, “Uomo vitruviano” oder auch nur “vitruviano” findet die Skulptur von Mario Ceroli, die auf dem Dorfplatz in Vinci steht, aber nicht das Bild von Leonardo.

Newtons Principia mathematica gibt es dagegen tatsächlich, in der Version der Gallica, also verbuchen wir das mal auf der Habenseite (und nörgeln nicht darüber, dass die Gallica das Buch nur in Bildern vorliegen hat und nicht als durchsuchbarer Text), aber die Carta plana de parte da Costa do Brazil, die ich mir schon gerne angeschaut hätte, existiert nur als Thumbnail, das bequem unter den kleinen Zehennagel passt:

Carta plana

Barrosos Versprechen,

Ein Klassikfan aus Spanien kann auf Europeana die Partituren zu Mozarts „Requiem“ studieren …

erfüllt sich auch nur zum Teil: Mehr als zwei Blätter der Partitur finden sich jedenfalls nicht (zumindest nicht, wenn man einfach nach “mozart requiem” sucht).

Die Suche nach den von Barroso empfohlenen “illustrierten Manuskripten aus irischen Klöstern” hab ich lieber bleiben lassen. Man sieht schon so: Bis die Europeana ein wirklich nützliches und praktikables digitales Panorama der europäischen Kultur werden könnte, ist noch ein langer Weg. Insgesamt sehe ich nicht viel, worüber man sich bei Google ernsthaft Sorgen machen müßte.

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