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Katrographie der Literatur

01.12.08

Zwei universitäre Projekte, die sich mit Literatur und Kartographie beschäftigen:

Das Institut für Kartografie an der ETH Zürich entwickelt einen literarischen Atlas Europas. Das Projekt will die “vielfältigen Wechselwirkungen zwischen realen und imaginären Geographien sichtbar [machen] und die Räume der Fiktion in adäquater Weise ab[bilden].” Leider bietet die Website wenig Anschauungsmaterial und wenig Informationen darüber, wie weit dieses Projekt gediehen ist. Schade: Hier wird ganz deutlich die Chance verschenkt, ein interessantes Projekt anschaulich zu kommunizieren.

Einige Karten sind in diesem PDF-Dokument abgebildet. Projektleiterin Barbara Piatti hat allerdings mit Die Geographie der Literatur eine grundlegende und sehr lesenswerte Einführung ins Thema veröffentlicht. Da finden sich dann auch einige Karten, an denen man sehen kann, welches Potenzial (aber auch welche Einschränkungen) die Literaturgeografie als Hilfsmittel zum Verständnis und zur Einordnung von Texten hat.

Welche Rolle Landkarten in der Literatur spielen, damit beschäftigt sich das Projekt Maps in Literature der Universität Bologna. Im Moment bietet die Website vor allem eine lockere Sammlung von Zitaten (allesamt auf italienisch), in denen Landkarten vorkommen. Thematische, zeitliche oder sonstige Einordnungen gibt es aber nicht. Unter “Parcours” findet man nur (sehr allgemein gehaltene) Vorschläge dazu, wie man sich den Landkarten der Literatur nähern könnte, ohne dass das anhand des vorhandenen Materials umgesetzt würde. Reizvoll ist aber der YouTube-Kanal zum Thema Landkarten in Film und Fernsehen: Auch dieses Sammelsurium von Filmausschnitten, in denen Land- und sonstige Karten vorkommen, ist noch ein bisschen beliebig, hat aber bereits ein paar hübsche Clips zu bieten.

(Via Cartoteca. Siehe auch Handlungsreisen.)

HistoGrafica

27.11.08

Köln
HistoGrafica ist eine Art Panoramio für historische Bilder, schreibt die Cartoteca, und das ist eine ganz angemessene Umschreibung. Zumal die Betreiber der Website selbst ausgesprochen wenig über ihr Portal sagen.

Darum kann ich auch nur raten, wie lange es das Angebot schon gibt, aber allzu lange kann es nicht sein. Es gibt zwar schon einen ganz ansehnlichen Fundus an Bildmaterial, der beschränkt sich aber momentan noch auf die USA, die britischen Inseln, auf Deutschland und Polen. Angeboten werden vor allem alte Fotografien und Postkarten, einige Zeichnungen lassen sich auch finden. Manche Bilder stammen aus der Wikipedia, andere scheinen einfach aus Büchern gescannt.

Zum oberflächlichen Stöbern ist das ganz nett. Die Qualität der Bilder ist freilich sehr unterschiedlich, die Lokalisierungen sind nicht immer exakt (bei manchen Bildern – siehe oben – ist das mit der Lokalisierbarkeit natürlich auch nicht so einfach). Auch Quellenangaben und Hintergrundinfos sind nur rudimentär vorhanden – offenbar lassen sich die meisten Nutzer von der Spartanität der HistoGrafica-Selbstdarstellung inspirieren. Das ist nun mal die Crux eines solchen nutzergetriebenen Angebots, aber die Betreiber könnten auch ein paar mehr Anreize bieten, Informationen zu liefern oder die erhoffte Community zum Leben zu erwecken.

Die Website ist, wie gesagt, ausgesprochen spartanisch mit Informationen. Die Betreiberfirma scheint in Dublin zu sitzen (was vielleicht die hohe Zahl von Bildern aus der Stadt erklärt), registriert ist die Domain aber auf eine deutsche Adresse. Weiß jemand mehr?

Tibet Album

24.11.08

Tibet Album

Was für lange Winterabende: Das Tibet Album, eine Website mit Fotografien britischer Abenteurer der Jahre 1920-1950. Eine faszinierende Sammlung, vor allem aus Beständen des Pitts Rivers Museum in Oxford, teils auch aus dem British Museum. Dazu gibt es auch ein wenig Kartenmaterial mit Hintergrundinformationen.

The Tibet Album presents more than 6000 photographs spanning 30 years of Tibet’s history. These extraordinary photographs are a unique record of people long gone and places changed beyond all recognition. They also document the ways that British visitors encountered Tibet and Tibetans.

Interessant ist übrigens, dass sich neben den britischen Forschern auch ein Name aus Sikkim findet: Rabden Lepcha. Lepcha diente Sir Charles Bell als Ordonnanz, während dieser als Politoffizier für Sikkim amtierte. Die Aufnahmen im Tibet Album stammen von einer Tibet-Expedition Bells aus den Jahren 1920 und 1921. “Previously unidentified” ist nicht ganz korrekt formuliert: Als Autor dieser Aufnahmen galt bisher einfach Bell selbst.

Über Lepchas Biographie scheint wenig bekannt, und die Website verrät leider auch nicht, woher man inzwischen weiß, dass er ebenfalls fotografiert hat. Die kurze Biographie Bells erwähnt seinen Namen nicht weiter. Bell scheint es zudem nicht für nötig gefunden zu haben, Rabden Lepchas Autorschaft eigens zu vermerken: So ist sie zwar bei 496 Bildern im Archiv wahrscheinlich, aber eben nicht eindeutig nachweisbar.

Bedauerlich: Denn darunter sind einige, die zu den bewegendsten und spannendsten dieser Sammlung gehören. Beispielsweise dieses hier vom Chikyak Kenpo. Auf jeden Fall ist Lepcha ein Pionier besonderer Art: Als erster belegbarer Fotograf Sikkims überhaupt.

Maps of Life

24.11.08

Britannica

Dass man über Google nun das Bildarchiv der US-Zeitschrift Life erschließen kann, ist ja eifrig genug gebloggt und gemeldet worden. Was ließe sich dem noch hinzufügen? Vielleicht, dass sich dort auch viele Landkarten aus Life entdecken lassen? Nämlich so.

(Via Ogle Earth.)

Europeana

20.11.08

Heute geht das EU-Portal Europeana offiziell an den Start, und das ist, glaubt man EU-Kommissar José Maria Barroso, ein epochales Datum, das nur mit der Eröffnung der Bibliothek von Alexandria zu vergleichen ist.

Das mag für die Ambitionen, mit denen dieses Projekt gelauncht worden ist, auch gelten. Immerhin geht um ein Portal, das “Europas gesamtes kulturelles Erbe über das Internet zugänglich machen soll”, wie der österreichische Standard schreibt. Da hat man sich einiges vorgenommen, und es ist da schon fast zwangsläufig, dass der aktuelle Status quo dem großen Anspruch kaum genügen kann. Klaus Graf und Jorge Ledo haben in ihren Blogs schon einige der wichtigsten Kritikpunkte aufgezählt, und ich kann mich, nach einem ersten kleinen Probelauf gestern, im wesentlichen anschließen.

Ein zentrales Portal, als Einstieg in die Welt der europäischen Archive und Bibliotheken, ist ja grundsätzlich eine schöne Idee. Aber wenn Europeana aktuell etwas vorführt, dann die Unterschiedlichkeit von Qualität und Standards in den Digitalisierungsbemühungen der beteiligten Bibliotheken und Archive. (Und das sind, wie man im Standard lesen kann, auch noch nicht allzu viele.) Die europäische Kultur ist demnach vor allem ein buntes Allerlei, ohne durchgängige Struktur und Systematik, in unterschiedlicher Bild-, Ton- und Textqualität, mit verwirrenden Hinweisen und Informationen über Provenienz, Fundorte und so weiter.

Momentan kann man zwar bisweilen ganz nett herumstöbern, und hier und da auch hübsche Entdeckungen machen, aber die Qualität der Ergebnisse lässt doch noch einiges zu wünschen übrig. Machen wir doch mal den Praxistest und schauen wir uns die Beispiel an, die Barroso im FAZ-Artikel nennt – soweit das möglich ist, denn ausgerechnet heute scheint der Server an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu stoßen. Gut drei Viertel der Suchanfragen landen momentan im Nirwana, weil sich die Seite wieder eine Auszeit nimmt. (Nebenbei: Dass der Artikel von Barredo gar nicht auf die Startseite verlinkt, sondern auf eine Unterseite mit Informationen zum Projektstatus, von der man nur über langes Suchen zum Start kommt, passt auch irgendwie. Soviel zum Thema “digitale Kompetenz”.)

“Wer die ‘Gioconda’ sehen möchte, muss nicht vor dem Louvre Schlange stehen”, schreibt Barroso. Nun, die Suche nach “Gioconda” bringt bei Europeana tatsächlich eine Reihe interessanter Ergebnisse. Darunter sind genau zwei Bilddateien, beide in einer Qualität, die auch nicht viel besser ist als das, was die Google-Bildersuche nach “Mona Lisa” auswirft. Eines der Ergebnisse stammt tatsächlich aus dem Louvre, aber wer bisher nicht wußte, dass die Mona Lisa genau dort hängt und nicht etwa in dem portugiesischen Archiv, aus dem das zweite Bild stammt, wird es über Europeana auch nicht unbedingt erfahren. Zwar wird weiterverlinkt auf die Louvre-Seite zur Mona Lisa, wo man wenigstens ein paar rudimentäre Informationen zum Bild bekommt, aber das portugiesische Exponat linkt lediglich auf die originale Bilddatei, ohne dass irgendein Kontext ersichtlich wird. (Etwas, das übrigens bei vielen Multimedia-Dateien passiert, auf die Europeana verweist). Ach, und welchen Titel hat das Bild eigentlich? “Peint à Florence” (so heißt hier das Louvre-Exponat)? Oder gar “75″15″(084.1), por”?

Folgen wir weiter Barroso:

Über Europeana kann jedermann das Lächeln der Mona Lisa auf dem eigenen Computerbildschirm bewundern und dann den virtuellen Spaziergang weiter in Richtung Venedig zum dort ausgestellten “Vitruvischen Mann” fortsetzen.

Wenn er ihn findet: Die Suche nach “Vitruvischer Mann” bringt jedenfalls kein Ergebnis, “Uomo vitruviano” oder auch nur “vitruviano” findet die Skulptur von Mario Ceroli, die auf dem Dorfplatz in Vinci steht, aber nicht das Bild von Leonardo.

Newtons Principia mathematica gibt es dagegen tatsächlich, in der Version der Gallica, also verbuchen wir das mal auf der Habenseite (und nörgeln nicht darüber, dass die Gallica das Buch nur in Bildern vorliegen hat und nicht als durchsuchbarer Text), aber die Carta plana de parte da Costa do Brazil, die ich mir schon gerne angeschaut hätte, existiert nur als Thumbnail, das bequem unter den kleinen Zehennagel passt:

Carta plana

Barrosos Versprechen,

Ein Klassikfan aus Spanien kann auf Europeana die Partituren zu Mozarts „Requiem“ studieren …

erfüllt sich auch nur zum Teil: Mehr als zwei Blätter der Partitur finden sich jedenfalls nicht (zumindest nicht, wenn man einfach nach “mozart requiem” sucht).

Die Suche nach den von Barroso empfohlenen “illustrierten Manuskripten aus irischen Klöstern” hab ich lieber bleiben lassen. Man sieht schon so: Bis die Europeana ein wirklich nützliches und praktikables digitales Panorama der europäischen Kultur werden könnte, ist noch ein langer Weg. Insgesamt sehe ich nicht viel, worüber man sich bei Google ernsthaft Sorgen machen müßte.