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Kartenanarmorphote

18.11.08

cartogram

Kuriose Karten wie die oben dargestellte heißen Kartenanamorphote: Nicht die Fläche, sondern irgend eine andere Variable stellt den Maßstab für die Größenverhältnisse, die topologischen Beziehungen bleiben aber im wesentlichen gewahrt. Oben sehen wir zum Beispiel eine kartographische Darstellung der US-Wahl, bei der die US-Staaten nicht entsprechend ihrer Fläche, sondern ihrer Stimmzahl skaliert sind. (Zu finden auf dieser Website, wo es noch einige andere interessante Grafiken zur US-Wahl gibt.)

Die englischsprachige Welt benutzt dafür das etwas weniger sperrige Wort cartogram, das auch im Deutschen existiert, dort bezeichnet es aber etwas anderes. Anamorphote mögen auf den ersten Blick wie eine nette Spielerei aussehen, aber gerade in der “Verzerrung” der gewohnten Darstellung liegt natürlich der Reiz: Je nach Blickwinkel lassen sich soziologische oder ökonomische Gegebenheiten so deutlicher vorführen.

Wer solche Anamorphote selbst erstellen will, kann das mit Hilfe einer kleinen Software tun, nämlich dem gratis verfügbaren Tool ScapeToad. Entwickelt wurde die Applikation, um ein schweizerisches Forschungsprojekt zu begleiten, in dem es genau um die oben angedeuteten Fragen geht: Wie werden Räume erfahren? Wie lassen sich individuelle und soziale Befindlichkeiten kartographisch erfassen und darstellen? Verantwortlich ist das Chôros-Institut der FH Lausanne, das unter anderem den Atlas des räumlichen Wandels der Schweiz herausgibt – auch darin finden sich einige interessante Anamorphote.

Es geht natürlich auch noch slicker: Nämlich mit den flash-animierten Anamorphoten von Show/World.

Erik Nitsche

17.11.08

Erik Nitsche

Die Welt als Polyeder: Dieses Titelbild erschien im Juni 1961 auf der Fachzeitschrift Gebrauchsgraphik. Gestaltet hat es der Designer Erik Nitsche, einem der Pioniere in dem Feld, das der Zeitschrift ihren Namen gab.

Nitsches Arbeiten haben mit dem Thema dieses Blogs meist nur am Rande zu tun, aber ich weise trotzdem gerne darauf hin, dass zwei Fans seiner Arbeit – die amerikanischen Designer Katie Varrati und Derrick Schultz – unter seinem Namen einen Flickr-Stream eingerichtet haben. In unregelmäßigen Abständen publizieren die beiden da einige Beispiele aus seinem Portfolio – Plattencover für die Deutsche Grammophon, Geschäftsberichte für General Dynamics und ähnliches.

Nitsche war übrigens nicht der einzige, der schöne Titelbilder für Gebrauchsgraphik entwarf. Das kann man in einem anderen Fotostream von Varrati und Schultz sehen.

Googles Rom

13.11.08

Das alte Rom in 3D: Google hat einen Layer für Google Earth veröffentlicht, in dem man virtuell durch die antike Metropole fliegen kann. Der Layer basiert auf dem Rome Reborn-Modell der Universität Virginia. Und das wiederum hat zum Vorbild das legendäre plastische 1:250-Modell, das der Archäologie Italo Gismondi von 1935 – 1971 anfertigen ließ.

Wenn man sich schon als Kind die Nasen an den Vitrinen platt gedrückt hat, in denen dreidimensionale Modellstädte zu bewundern waren, dann muss man solche virtuellen Stadtwelten ja mögen. Aber bei allem Respekt vor der technischen und gestalterischen Entwicklungsleistung: Ähnlich wie die Modelleisenbahnwelten ist auch Googles antikes Rom ein bisschen zu ideal, um mich lange zu fesseln.

Denn Rom in 3D ist im wesentlichen eine tote Stadt, in der man Spuren von Leben nicht nur deswegen vermisst, weil keine Menschen zu sehen sind. Zwar gibt es einen klaren zeitlichen Bezugspunkt, nämlich das Jahr 320, als Konstantin regierte. Rom verließ damals gerade seinen Zenit als politischer Mittelpunkt der antiken Welt, und die Monumente, die für uns heute das Bild der antiken Stadt ausmachen, waren fast alle gebaut und noch in Nutzung.

Asterix-Leser haben also nur eingeschränkt die Möglichkeit, sich ein Bild davon zu machen, wie die Stadt zur Zeit des Comic-Helden ausgesehen haben mag. Viele der gezeigten Gebäude waren zu Cäsars Zeiten noch nicht mal in Planung. Andererseits waren einige von ihnen um 320 schon ziemlich alt, und dass die Zeit nicht spurlos an ihnen vorübergegangen war, ist anzunehmen. Das Kolosseum zum Beispiel musste im 3. Jahrhundert mehrfach renoviert werden.

In den 3D-Bildern sieht man davon wenig bis gar nichts. Die Caracalla-Thermen sehen so aus als ob sie gerade eröffnet worden wären. Überhaupt ist die ganze Stadt sehr clean, aufgeräumt und ordentlich. Kein Chaos, keine Slums, keine Bauruinen pleite gegangener Immobilieninvestoren. Googles Rom ist weniger das Abbild einer Stadt als ein historisches Phantom, das so nie existiert hat.

Spaß macht’s trotzdem.

Singapur mit Fußnoten

12.11.08

Singapore Biennale
Foto: Wit Pimkanchanapong

Der thailändische Künstler Wit Pimkanchanapong hat nicht nur einen grandiosen Namen, sondern auch eine hübsche Installation auf der Singapore Biennale, die am 16. November zu Ende geht. Die Installation, schlicht Singapore betitelt, besteht aus einem großen Satelliten-Bild der Stadt. Ausstellungsbesucher können einzelne Punkte darauf mit kleinen Post-Its markieren und so buchstäblich Fußnoten zur Stadt verteilen.

Die Idee muss gut angekommen sein: Im Blog der Biennale gibt es ein schönes Foto, das den Erfolg der Installation dokumentiert (am Ende des Artikels). Weitere Bilder in Pimkanchanapongs Blog und Flickr-Stream.

Außerdem sehenswert (und als interessante Studie zu Perspektive und Wahrnehmung durchaus im Kontext dieses Blogs): Die Installation Blackfield des israelischen Künstlers Zadok ben David, ein künstliches Feld filigran gearbeiteter Metallpflanzen, farbig auf der einen Seite, schwarz auf der anderen.

Kölner Unorte

11.11.08

Unortkataster

Das Unortkataster Köln ist schon seit einiger Zeit online – gelauncht wurde es vor ein paar Wochen aus Anlass des Architekturfestivals Plan08. Inzwischen hat es sich ganz ansehnlich gefüllt: Zahlreiche Nutzer haben auf dem bereitgestellten Google-Maps-Mashup Kölner Lokalitäten markiert, die sie als Unorte empfinden, wieder andere haben die Markierungen mit eigenen Anmerkungen ergänzt.

Das Kataster ist ein Projekt der städtischen Initiative Leitbild Köln2020, das gemeinsam mit der Kunsthochschule für Medien entwickelt wurde (und außerdem in den Rahmen eines umfangreicheren EU-Projekts namens Citizen Media eingeordnet wurde.)

Hinter dem Konzept steht die Überzeugung, dass Anwohner [als] “Benutzer der Stadt” über wertvolles lokales Wissen verfügen, das dazu dienen könnte, schon im Vorfeld von Planungen, Bürger in die Weiterentwicklung des Stadtbildes einzubeziehen. Ziel des langfristig angelegten Projektes sollte sein, möglichst zahlreiche und vielfältige Perspektiven auf die Unorte Kölns zu sammeln und diese kontinuierlich in die öffentliche Auseinandersetzung einfließen zu lassen.

Das ist zunächst einmal ein sehr sympathischer (und auch durchweg ansprechend gestalteter) Versuch, die Öffentlichkeit zur Teilnahme an stadtplanerischen Prozessen einzuladen. Es soll außerdem zu einer Diskussion darüber führen, was eigentlich ein Unort ist: Wie man subjektives Murren über gefährliche Radwege, Müllcontainer auf dem Bürgersteig und Hundekot in den Parks in objektiv nützliche Debatten überführen kann.

Das Unortkataster kommt zu einem interessanten Zeitpunkt. Es gibt an vielen Orten in der Stadt momentan ein lebhaftes Nachdenken darüber, wie das urbane und architektonische Patchwork der Stadt neu organisiert und strukturiert werden kann (oder ob es nicht sogar als Teil der Identität begriffen werden sollte). Da ist zum Beispiel die Kunst-Initiative Liebe deine Stadt. Die ist nicht nur mit einem großen Schriftzug an einem der Plätze präsent, der von vielen Kölnern gerne als Unort nominiert wird (Offenbachplatz/Nord-Süd-Fahrt), sondern sie versucht auch, vermeintliche “Unorte” neu zu betrachten und zu würdigen.

Auf der politischen Ebene gibt es neben Köln2020 auch den Masterplan Köln, eine vor allem von der lokalen Wirtschaft getragene Initiative. Der “Masterplan” hat Albert Speer & Partner (AS&P) mit der Erarbeitung eines Konzepts beauftragt, und damit eine der prominentesten Adressen in Deutschland, die sich mit dem Thema Stadtplanung befassen. Da geht es natürlich auch um die Lufthoheit über den Debatten. Die Masterplan-Verantwortlichen haben da schon einen einige Erfolge erzielen können: Die Stadt hat zugesagt, dass am Ende dieses Prozesses “verbindliche Beschlüsse” stehen sollen, der Masterplan ist außerdem als “Regiebuch” der zukünftigen Stadtentwicklung ausgelobt worden. Die ersten Vorschläge, die AS&P machte, stießen allerdings nicht auf besonders viel Gegenliebe bei den Initiatoren aus der Wirtschaft: Die Bedürfnisse von Unternehmen und Einzelhandeln seien da nicht genügend berücksichtigt worden.

Auch die Macher des Masterplans wünschen sich einen lebhaften Diskurs mit der Öffentlichkeit. Die öffentlichen Veranstaltungen waren tatsächlich auch gut besucht. Im Internet tut man sich aber eher schwer damit, den Fortgang der Diskussion darzustellen: Die Einstiegsseite kündigt immer noch eine Veranstaltung vom 9. Mai 2008 an, aktuellere Texte findet man erst beim weiteren Herumstöbern und ganz aktuelle Entwicklungen sind noch überhaupt nicht abgebildet.

Das Unortkataster ist da ein wesentlich frischeres Beispiel.